M 09.13 Kritische Stimmen
 


I. Konrad Weiß: Die mißglückte Revolution
Die Revolution vom vergangenen Herbst ist mißglückt. Ich selbst gebrauche eigentlich das Wort "Revolution" in diesem Zusammenhang gar nicht, sondern ich sage "Umbruch".

Es hat sich viel geändert. Wir haben es geschafft, das SED-Regime und den ganzen Mechanismus, der damit verquickt war, zumindest in Ansätzen aufzulösen ...

Ich habe in einem ersten spontanen Bericht über diese Nacht (9. November 1989) ... geschrieben, das sei die erste Nacht des Friedens gewesen. So habe ich das auch empfunden. Weil es wirklich die erste Nacht für die Deutschen gewesen ist, wo es diesen Frieden gegeben hat, wo die Menschen in dem Glück dieser Stunde - der Öffnung der Mauer - auch in der Lage waren, eigentlich ganz undeutsch, überwiegend spontan, ein bißchen anarchistisch, sehr offen für die anderen, sehr gesprächsbereit zu sein ... Und in dieser Nacht hat das Materielle noch überhaupt keine Rolle gespielt, was dann aber sehr schnell gekommen ist. Ich denke, der Umbruch, die Revolution, wenn Sie so wollen, ist von den Warenbergen, die die darauf unvorbereiteten DDR-Bürger zu Gesicht bekommen haben, erdrückt worden.

Aus: Blätter für deutsche und internationale Politik 5/90, S. 555.

"Konrad Weiß ist Mitbegründer des Neuen Forum."

 

II. Erhart Neubert: "Die geklaute Revolution"
Die Ereignisse verliefen in ihrer inneren Logik so rasch, dass der aufgeblähte Sicherheitsapparat bald in die Defensive geriet. Aus "konterrevolutionären Kräften", wie sie bezeichnet wurden, erwuchs die politische Opposition, die am Runden Tisch, in Untersuchungskommissionen, in Bürgerkomitees und vielen anderen neuen revolutionären Institutionen Politik machte. Doch allzu rasch haben sich die neuen Parteien und Gruppierungen auf den Dialog mit Dialogunwürdigen eingelassen. Allzu lang haben sie gezögert, die Macht, die auf der Straße lag, aufzuheben.
Als Krenz scheiterte, hätte eine nicht legitimierte Volkskammer nicht den schlauesten Wendehals, Gerlach, zum Nachfolger wählen dürfen. Diese Volkskammer war durch politischen Betrug - wie jede Bürgervertretung im Lande - zusammengestellt. Diese Volkskammer hatte kein legitimes Recht, Modrow zum Regierungschef zu wählen ... Das war der Staatsstreich gegen die Revolution - die Konterrevolution. Die revolutionären Intellektuellen reagierten nicht. Sie setzten sich an die Tische der Machthaber. Einige Schuldige an der Misere der DDR wurden gefunden ... Der Ruf "keine Gewalt!" wurde zum Schutzbrief für Mittäter und Verbrecher. Die Revolutionsregierung hätte Armee und Polizei dazu gebrauchen müssen, die alten Strukturen aufzubrechen und aufzulösen. Und sie hätte es tun können ... Die Mittel des Umsturzes boten sich an, Demonstrationen und Streiks. Außerdem hätte man wahrscheinlich nur hingehen müssen und ohne Pathos die leeren Plätze einnehmen können. Dialog, Besonnenheit, Appell an die Vernunft, Konsens und überhaupt alles, was die revolutionäre Energie bremsen konnte, waren die Parolen. Das paßte in die Strategie der SED, die Zeit gewinnen wollte ... Die durchaus vernünftige Scheu vor Gewaltanwendung und die unbedingte Pflicht, übernommene Verantwortung auch bis zum Ende aller selbst inszenierten Ereignisse zu tragen, hat die politische Opposition übertölpelt ...

Aus: Esslinger Zeitung vom 17./18. März 1990.

"Erhart Neubert arbeitet als Soziologe und Theologe im Theologischen Studienwerk des Evangelischen Kirchenbundes in der DDR. Er gehört zu den Gründern der Partei Demokratischer Aufbruch, von welcher er sich inzwischen wieder getrennt hat."

 

III. Oskar Negt: Die Demontage der Bürgerinitiativen
Wenn ich von einer zweiten "Besetzung" des Territoriums der DDR, von einer "kapitalistischen Kolonialisierung" spreche, dann will ich damit nicht den Eindruck erwecken, als sei das von Anfang an ein einseitiges Zwangsverhältnis gewesen. Die legitimen Bedürfnisse des Volkes der DDR nach einem höheren Lebensniveau, nach demokratischer Selbstbestimmung und einer Lebensumwelt in der sich die Menschen wieder zu erkennen vermögen, haben den Charakter von Menschenrechten. Diese einzuklagen, gehörte zu dem mächtigsten Ursprungsimpuls des revolutionären Prozesses, an dem weder irgendwelche Parteien noch die Arbeiterschaft einen nennenswerten Führungsanteil hatten. Es waren Menschen, die in der alten Weise nicht mehr leben wollten und dafür auf die Straße gingen. Aber welche Bedeutung haben noch diese Bürgerinitiativen, die spontanen demokratischen Gruppen, die ursprünglich die elementaren Rechte der Menschen artikulierten, in der heutigen mediengesteuerten Landschaft des alten und neuen Parteienkartells und der sich herausbildenden Regierungsapparaturen? Dass die betriebsamen Anschlusspolitiker (die der SPD dabei nicht ausgenommen) mit ihren Klientelparteien in der DDR zentrale politische Eigeninteressen verfolgten, diese Bürgerinitiativen, welche die wirklichen Probleme der DDR benannten und zu Gegenständen eines öffentlichen Kommunikationsprozesses machten, der schließlich zum Zerfall dieses Herrschaftssystems führte, mit aller Macht in die politische Bedeutungslosigkeit zu drängen versuchen, ist ein deutlicher Hinweis darauf, womit es künftig die demokratische und sozialistische Linke der DDR in einem vereinigten Deutschland zu tun haben wird. Die Entwertung und Entwürdigung der Beratungen und Beschlüsse des "Runden Tisches", der ursprünglich doch auch von den Bundestagsparteien gefördert wurde, ist vielleicht das sinnfälligste Symbol dieser beginnenden Kolonialisierung der DDR.

Aus: Frankfurter Rundschau vom 17. März 1990.

(i) Oskar Negt ist Professor für Soziologie an der Universität Hannover.)

 

IV. Paul Noack: Basisdemokratie ist kein Königsweg
Wenn sich ein Traum als Traum entlarvt, dann in diesen Tagen dieser Traum von der Basis-Demokratie im Nachhall der November-Revolution. Der Bürger der DDR will Freiheit, er will Vertrauen haben können in diejenigen, die er wählt, und er will solche Mandatsträger auch wieder abwählen können. Durchpolitisiert war bisher sein ganzes Leben - er möchte nun nicht mehr Politik, vielleicht sogar für eine Weile etwas weniger. Die direkte Demokratie hat daher in der DDR nicht nur deshalb keine Chance, weil die Parteien der Bundesrepublik begonnen haben, auf diesem neuen Aufmarschfeld ihre Materialschlachten zu führen. Nein, auch die Laborbedingungen des Frühstadiums der Revolution sind nicht wiederherzustellen. Heute herrschen andere Bedingungen als damals im November ... Das haben inzwischen auch viele Bürgerbewegungen begriffen. Es ist im Wahlkampf nichts mehr vom "Demokratischen Aufbruch" und von der "Demokratie heute" als unabhängiger Kraft geblieben. Sie haben Anschluss an die Parteien gesucht ... und werden von ihnen möglicherweise aufgesogen, weil sie ihr politisches Profil als Bürgervereinigung verlieren. Dann wird die Revolution tatsächlich ihre Mütter und Väter gefressen haben - aber gescheitert ist sie deswegen dennoch nicht. Die Idee, dass jemand für einen anderen handelt und dennoch frei bleibt, das Ideal der repräsentativen Demokratie, ist Leitmotiv der zukünftigen Entwicklung.

Aus: Rheinischer Merkur/Christ und Welt vom 16. März 1990.

"Paul Noack ist Professor für Politische Wissenschaften am Geschwister-Scholl-Institut der Universität München."

 

Aus: Maier, Gerhart: Die Wende in der DDR. Bonn 1990. S.35+36.
Konrad Weiß: Die mißglückte Revolution.
Erhart Neubert: Die geklaute Revolution.
Oskar Negt: Die Demontage der Bürgerinitiativen.
Paul Noack: Basisdemokratie ist kein Königsweg.
 

Arbeitsaufträge:

  1. Wähle einen der Texte aus und erarbeite ihn. Welche Hauptaussagen beinhaltet der jeweilige Text?
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  3. Zu den anderen Texten: Welches Problem decken die Autoren auf, wenn sie die Bürgerbewegungen und ihre Rolle in der Revolution beschreiben und diskutieren?
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