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Kampf um Kultstätten. Sakraler Ort und religiöser Konflikt in der Spätantike

Projektleiter:

  • Dr. Götz Hartmann
  • Prof. Dr. Stephen Emmel
  • Prof. Dr. Johannes Hahn
  • Bernd Isele M.A.
Papyrus Golenicev Theophilos auf Serapeum

Papyrus Golenicev Theophilos auf Serapeum: Bischof Theophilos als Triumphator auf dem 392 n.Chr. zerstörten Serapeum von Alexandria

In der Umbruchszeit der Spätantike standen sich im Osten des Imperium Romanum Gruppen gegenüber, die sich in ihrer religiösen Vorstellung und internen Organisation grundsätzlich voneinander unterschieden: Anhänger paganer Kulte sowie diverse jüdische und christliche Gemeinschaften. Zwischen ihnen entzündeten sich im Rahmen lokaler Konstellationen immer wieder Konflikte, die im Extremfall die Existenz des jeweils anderen zur Disposition stellen konnten. Die radikalste Form des Umgangs mit dem religiösen alter war das Vorgehen gegen dessen Kultplätze oder -bauten. In diesem Zusammenhang kam es zur Zerstörung oder Aneignung der sakralen Topographie des Gegners. Der Verlust des Heiligtums als religiöser Mitte hatte zwangsläufig die Auflösung oder spirituelle Neuorientierung der unterlegenen Gemeinschaft zur Folge. Ausgehend von der Zerstörung bzw. dem Verlust von Heiligtümern beschreibt und analysiert das aus dem Münsteraner SFB 493 hervorgegangene Forschungsprojekt fundamentale religiöse Auseinandersetzungen der Spätantike: Die Zerstörung, Schließung oder Umwandlung von Tempeln (Christen versus pagane Kultgruppen), die Zerstörung bzw. Umwandlung von Synagogen (Christen versus Juden) und die Übernahme und Zerstörung von Kirchengebäuden (Christen versus Christen).

Teilprojekt A: Religiöser Konflikt und staatliche Ordnung. Die Auseinandersetzungen um pagane Heiligtümer im Zeitalter der Christianisierung (Dr. Götz Hartmann)

Tempel

Die Profanierung, Zerstörung und Umwandlung von Tempeln und Heiligtümern als Zentren von Kulthandlungen war mehr als das Ende eines Zeitalters; es bezeichnete das Ende einer Welt. Denn (pagane) Heiligtümer gehörten nicht ausschließlich dem religiösen Feld an, sondern waren untrennbar mit dem öffentlichen Raum, der politischen Verfaßtheit und den lokalen bzw. regionalen Identitäten verbunden. Entsprechend konflikthaltig war der Umgang mit Kultorten im Zuge der Christianisierung des Imperium Romanum, entsprechend einschneidend waren auch die Veränderungen, die diese Auseinandersetzungen mit sich brachten. Das Teilprojekt A erforscht die Konflikte des 4. bis 6. Jahrhunderts, die im Namen der Religion um pagane Heiligtümer im Osten des römischen Imperiums geführt wurden. Indem die wenigen prominenten Einzelfälle mit der Masse schlechter dokumentierter Ereignisse vergemeinschaftet werden, sollen drei Perspektiven das Phänomen insgesamt ausleuchten: erstens die Wahrnehmung und Darstellung von Tempelzerstörung bzw. -umwandlung durch Zeitgenossen und Nachwelt, zweitens die konkrete Mechanik der Konflikte auf lokaler Ebene und drittens die Bedeutung von Auseinandersetzungen um pagane Kultplätze für Institutionen und Autoritätsstrukturen des Reiches in der spätantiken Umbruchszeit.

Teilprojekt B: Der Abt Schenute im Kampf gegen das Heidentum im spätantiken Ägypten (Prof. Dr. Stephen Emmel)

Der ägyptische Mönch-Prophet-Schriftsteller Schenute "von Atripe" (ca. 350–465; Abt des sog. "Weißen Klosters" bei Sohag in Oberägypten ab 385, Archimandrit ab 431) erscheint sowohl wegen seines Wirkens selbst als auch wegen des Nachhalls, den seine Taten und Schriften im regionalen Rahmen gefunden haben, als Schlüsselfigur für die Auseinandersetzungen um Kulte im spätantiken Oberägypten. Der Kampf des Abtes gegen "Götzendienst" gibt den Blick frei auf antipagane Aktivitäten, die die reichsweite Christianisierung auf lokaler Ebene umzusetzen bemüht waren und sich dabei das allgemeine Klima zunutze machen konnten. In diesem Zusammenhang kam es über Jahrzehnte hinweg immer wieder zu Konflikten zwischen Schenute und Nichtchristen – vor allem Angehörigen der regionalen und überregionalen Elite – sowie den staatlichen Autoritäten. Die Verhaltensmuster und Argumente, die dabei auf allen Seiten zum Einsatz kamen, spiegeln die Spielräume, die sich im Prozeß der Christianisierung für die Beteiligten nicht nur unter den spezifischen Bedingungen Oberägyptens ergaben. Ziel des Teilprojekts B ist eine kommentierte Ausgabe und Übersetzung eines Dossiers von Texten, die die antipaganen Aktivitäten des Schenute dokumentieren.

Teilprojekt C: Enteignung und Zerstörung von Synagogen im 4.-6. Jh. (Prof. Dr. Johannes Hahn)

Mosaik aus der Synagoge von Beth Alpha

Mosaik mit der Gesetzeslade aus der Synagoge von Beth Alpha: Frühbyzantinisches Synagogenmosaik aus dem galiläischen Beth-Alpha mit den Symbolen jüdischer Identität

In vielen und zumal den großen östlichen Städten des spätantiken Imperium Romanum stellten Juden auf politischem, wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet einen wesentlichen Faktor dar. Ihr Verhältnis zur nichtjüdischen Umwelt hing ganz wesentlich von den spezifischen lokalen Gegebenheiten ab und oszillierte zwischen Integration und spontanem Konflikt. Der Prozeß der Christianisierung verlieh den religiösen Grenzen innerhalb der städtischen Gemeinschaft einerseits eine schärfere Kontur und bewirkte damit auch eine weitere Profilierung von jüdischer Identität, andererseits wollten sich zahlreiche Christen der außerordentlichen Attraktivität jüdischen Gemeindelebens und Glaubensvorstellungen nicht entziehen und riefen so heftige Reaktionen des Klerus hervor: Indem Kirche und Synagoge im urbanen Kontext zu direkten Gegenpolen wurden oder kirchlicherseits entsprechend stilisiert wurden, rückten die Versammlungsräume der jüdischen Gemeinden wie auch jüdische Verehrungsstätten (nicht nur in Palästina) ins Zentrum der Konflikte. Das Teilprojekt C untersucht, wie sich diese Auseinandersetzungen im Wechselspiel von lokalen Interessen und Reichspolitik entwickelten und welche Auswirkungen die Kämpfe um Synagogen auf jüdisches (aber auch christliches) Leben und Selbstverständnis hatten.

Teilprojekt D: Kampf um Kirchen. Übernahme und Zerstörung von Gotteshäusern in der Spätantike (Bernd Isele)

Athenagoras

Patriarch Athenagoras I. in den Trümmern der 1955 in Istanbul zerstörten Basilika der Hll. Konstantin und Helena

Mit der Konstantinischen Wende nimmt der christliche Kirchenbau seinen Anfang. Aus unspezifischen Andachtsräumen werden repräsentative Bauten, die nicht nur den liturgischen und räumlichen Bedürfnissen der wachsenden Gemeinden genügen können, sondern zusehends auch den Ansprüchen eines Kaisers, der sowohl in den bedeutendsten Metropolen des Reiches, als auch an den Heiligen Stätten der Christenheit selbst monumentale Bauten in Auftrag gibt. Die neuen Versammlungshäuser, die die urbanen Räume bald in wachsender Anzahl beherrschen, werden im Laufe des 4. Jahrhunderts jedoch nicht nur zu Zentren erstarkender Glaubensgemeinschaften. Sie stehen zunehmend auch im Mittelpunkt innerchristlicher Auseinandersetzungen, die sich nun, unter den Augen der städtischen Öffentlichkeit, weithin sichtbar intensivieren. Daß sich die Gebäude selbst zu einem erstrangigen Ziel der streitenden Parteien entwickeln, läßt den Kampf um die Kirchen zu einem signifikanten Charakteristikum der um dogmatische Differenzen und gesellschaftliche Machtpositionen ausgetragenen Konflikte werden. Die komplexen Vorgänge um die Zerstörung, vor allem aber um die gewaltsame Aneignung von Gotteshäusern, die ein Zusammenspiel zahlreicher administrativer Ebenen und gesellschaftlicher Gruppen offenbaren, sollen als Manifestationen und als Inszenierungen religiöser Konflikte untersucht und aufgearbeitet werden.

Publikationen


Prof. Dr. J. Hahn
Die jüdische Gemeinde im spätantiken Antiochia: Leben im Spannungsfeld von sozialer Einbindung, religiösem Wettbewerb und gewaltsamem Konflikt, in: R. Jütte/A.P. Kustermann (Hrsg.), Jüdische Gemeinden und Organisationsformen von der Antike bis zur Gegenwart. Aschkenas Beiheft 2, Wien-Köln-Weimar 1996, 57-89.
Tempelzerstörung und Tempelreinigung, in: R. Albertz (Hrsg.), Kult, Konflikt, Sühne. Veröffentlichungen des Arbeitskreises zur Erforschung der Religions- und Kulturgeschichte des Antiken Vorderen Orients, Band 2. Münster 2001, 269-285.
Hrsg., Der Jerusalemer Tempel und seine Zerstörungen. Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament Bd. 147, Tübingen 2002.
Kaiser Julian und ein dritter Tempel? Idee, Wirklichkeit, Wirkung eines gescheiterten Projekts, in: J. Hahn (Hrsg.), Der Jerusalemer Tempel und seine Zerstörungen. Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament Bd. 147, Tübingen 2002, 237-262.
Hrsg., Religiöse Landschaften. Veröffentlichungen des Arbeitskreises zur Erforschung der Religions- und Kulturgeschichte des Antiken Vorderen Orients, Band 3. Münster 2002.
„Die Tempel sind die Augen der Städte“. Religiöse Landschaft und Christianisierung in Nordsyrien, in: J. Hahn. (Hrsg.), Religiöse Landschaften. Veröffentlichungen des Arbeitskreises zur Erforschung der Religions- und Kulturgeschichte des Antiken Vorderen Orients, Band 3. Münster 2002, 141-179.
mit B. Aland und Chr. Ronning (Hrsg.), Identifikationsfiguren und ihre literarische Konstituierung. Von der Archaik bis zur Spätantike. Studien und Texte zum antiken Christentum 16, Tübingen 2003.
Weiser, göttlicher Mensch oder Scharlatan? Das Bild des Apollonius von Tyana bei Heiden und Christen, in: B. Aland/J. Hahn (Hrsg.), Identifikationsfiguren und ihre literarische Konstituierung. Von der Archaik bis zur Spätantike. Studien und Texte zum antiken Christentum 16, Tübingen 2003, 87-109.
Gewalt und religiöser Konflikt. Studien zu den Auseinandersetzungen zwischen Christen, Heiden und Juden im Osten des Römischen Reiches in der Spätantike, Berlin 2004
mit St. Emmel und U. Gotter (Hrsg.), From Temple to Church: Destruction and Renewal of Local Cultic Topography in Late Antiquity. Religions in the Graeco-Roman World 160, Leiden 2008
Die Zerstörung der Kulte von Philae. Geschichte und Legende am ersten Nilkatarakt, in: Hahn/Emmel/Gotter (Hrsg.), From Temple to Church: Destruction and Renewal of Local Cultic Topography in Late Antiquity. Religions in the Graeco-Roman World 160, Leiden 2008, 203-242
The Conversion of the Cult-Statues. The destruction of the Serapeum 392 AD and the transformation of Alexandria in the "Christ-loving" city, in: Hahn/Emmel/Gotter (Hrsg.), From Temple to Church: Destruction and Renewal of Local Cultic Topography in Late Antiquity. Religions in the Graeco-Roman World 160, Leiden 2008, 335-75.

Prof. Dr. St. Emmel
Shenoute's Literary Corpus: A Codicological Reconstruction, in: D.W. Johnson (Hrsg.), Acts of the Fifth International Congress of Coptic Studies, Washington, 12-15 August 1992, Bd. 2: Papers from the Sections, Rom 1993, 153-162.
Ithyphallic Gods and Undetected Ligatures: Pan Is Not „Ours“, He Is Min (Rectification of a Misreading in a Work of Shenute), Göttinger Miszellen 141, 1994, 43-46.
The Historical Circumstances of Shenute’s Sermon God Is Blessed, in: M. Krause/S. Schaten (Hrsg.), Themelia. Spätantike und koptologische Studien. Peter Grossmann zum 65. Geburtstag (SKCO 3), Wiesbaden 1998, 81-96.
Editing Shenoute: Problems and Prospects, in: St. Emmel et al. (Hrsg.), Ägypten und Nubien in spätantiker und christlicher Zeit. Akten des 6. Internationalen Koptologenkongresses, Münster, 20.-26. Juli 1996, Bd. 2: Schrifttum, Sprache und Gedankenwelt (SKCO 6,2), Wiesbaden 1999, 109-113.
From the Other Side of the Nile: Shenute and Panopolis, in: A. Egberts/B.P. Muhs/J. van der Vliet (Hrsg.), Perspectives on Panopolis: An Egyptian Town from Alexander the Great to the Arab Conquest: Acts from an International Symposium Held in Leiden on 16, 17 and 18 December 1998 (Pap.Lugd.Bat. 31), Leiden u.a. 2002, 95-113.
Shenoute’s Literary Corpus, 2 Bde. (CSCO 599-600 [Subs. 111-112]), Leuven 2003.
Shenoute the Monk: The Early Monastic Career of Shenoute the Archimandrite, in: M. Bielawski/D. Hombergen (Hrsg.), „Il Monachesimo tra Eredità e Aperture. Testi e temi nella tradizione del monachesimo cristiano“, 50° anniversario dell'Istituto Monastico di Sant'Anselmo, Rome 28 May to 1 June 2002 (Studia Anselmiana 136), Rom 2004.
Shenoute of Atripe and the Christian Destruction of Temples in Egypt, in: J. Hahn/St. Emmel/U. Gotter (Hrsg.), From Temple to Church: Destruction and Renewal of Local Cultic Topography in Late Antiquity (Religions in the Graeco-Roman World 160), Leiden 2008, 161-202.

PD Dr. U. Gotter
Tempel und Großmacht: Olba und das Imperium Romanum, in: E. Jean (Hrsg.), La Cilicie: espaces et pouvoirs locaux (2ème millénaire av. J.-C.-4ème siècle ap. J.-C.), Varia Anatolica 13, Paris 2001, 289-325.
Thekla statt Apoll. Überlegungen zur Transformation regionaler Sakraltopographie in der Spätantike, KLIO 85 (2003), 189-211.
Rechtgläubige und Häretiker. Tempelzerstörungen in der Kirchengeschichtsschreibung und das Bild der christlichen Kaiser, in: J. Hahn/St. Emmel/U. Gotter (Hrsg.), From Temple to Church: Destruction and Renewal of Local Cultic Topography in Late Antiquity. Religions in the Graeco-Roman World 160, Leiden 2008, 43-90.



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