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Kohärenzbasierte Genealogische Methode - Worum geht es?

Gerd Mink

Vorweg:

  1. Elemente einer genealogischen Hypothese sind nicht die Handschriften, sondern der Textzustand, den sie überliefern und der viel älter sein kann als die jeweilige Handschrift. Der Text in seinem jeweiligen Zustand wird hier als Zeuge bezeichnet, nicht die Handschrift.
  2. Als Stemma wird eine Hypothese bezeichnet, die Zeugen oder auch Varianten genealogisch verbindet. Bei einer Hypothese über die genealogische Verbindung von Zeugen ist nicht nur diese Verbindung als solche von Belang, sondern auch ihre Qualität, die durch entsprechende Daten zu belegen ist. Diese Komplexität ist hier in den Stemmabegriff einbezogen. Ein Stemma im Sinne einer graphischen Verbindung von Zeugen ist demnach nur eine vereinfachende Darstellung eines Stemmas in diesem komplexeren Sinn.

Die Überlieferung neutestamentlicher Schriften ist im Ergebnis hochgradig kontaminiert.

Dieses beruht darauf, dass immer wieder die Kopien der Texte nicht gänzlich auf nur einer einzigen Vorlage beruhen. Zwar sieht es so aus, als sei die Zahl der Kontaminations­vorgänge, die zur Vermengung verschiedener Textzustände führten, jeweils von Kopiergeneration zu Kopiergeneration durchschnittlich relativ gering gewesen. Durch die Vielzahl der Kopiervorgänge und die hohe Anzahl der verlorenen Textzustände – namentlich bei den textgeschichtlich älteren Zuständen – ergibt sich der hohe Kontaminationsgrad bei den erhaltenen Textzuständen.

Gleichzeitig ist aber auch damit zu rechnen, dass gleichlautende Varianten in Texten auftauchen, die ansonsten relativ stark voneinander abweichen, und diese Varianten zufällig mehrfach ohne einen Kontaminationsvorgang entstanden sind.

Eine textgeschichtliche, genealogische Hypothese muss also zwingend durch eine Methode gewonnen werden, die beiden Aspekten Rechnung trägt: Kontamination und zufällige Mehrfachentstehung von Varianten. Dabei muss das für eine hochkontaminierte Überlieferung typische Problem bewältigt werden, dass ein Zeuge, verglichen mit einem anderen, sowohl über Varianten verfügt, die älter sind, als auch über solche, die jünger sind als die des Vergleichszeugen.

Die kohärenzbasierte genealogische Methode geht von folgender Erkenntnis aus: Bei einer Überlieferung, in der alle Kopien bekannt wären, und ebenfalls, welches die jeweilige Quelle oder welche die Quellen (bei Kontamination) gewesen wären, und somit der Ursprung jeder Lesart jeder Kopie, müssen sich die genealogischen Beziehungen aller Varianten zueinander an einer beliebigen Stelle in einem globalen Stemma der Zeugen als genealogische Beziehung kohärenter Felder von Zeugenbeziehungen abbilden.

Umgekehrt muss sich die Beziehung eines jeden Nachfahren zu seinem Vorfahren oder (bei Kontamination) zumindest eine Untermenge der Beziehungen zu seinen Vorfahren an jeder beliebigen variierten Stelle zeigen, und zwar als Beziehung von Zeugen, die dort die gleiche Variante haben, oder als Beziehung von Zeugen, zwischen denen eine Veränderung der Variante stattgefunden hat, die die Vorfahren-Nachfahren-Relation stützt. Da jeder Nachfahre im Verhältnis zu anderen Zeugen ein Vorfahre sein kann, bilden sich innerhalb von Bezeugungen Kohärenzketten, die Aufschluss über einmalige oder zufällige mehrfache Entstehung einer Variante geben. Kohärenzketten greifen auf die Bezeugungen anderer Varianten dort über, wo zwischen Zeugen eine Veränderung des Textes stattgefunden hat.

Die Kohärenzen von Zeugen in einem globalen Stemma hängen also auf die beschriebene Weise mit den Kohärenzen von Zeugen an variierten Stellen zusammen. Die Beziehung der Zeugen an jeder variierten Stelle sind kompatibel mit ihrer Beziehung in einem globalen Stemma. Da Variantenbezeugungen sich in einem Stemma als kohärente Felder abbilden, sind auch die Beziehungen der Gesamtbezeugung einer Variante zu der Gesamtbezeugung einer anderen Variante und damit die Beziehung der Varianten selbst an jeder variierten Stellen mit dem globalen Stemma kompatibel.

Damit ergibt sich eine Beziehung von lokalen Stemmata der Varianten zu einem globalen Stemma der Zeugen.

In einer realen Überlieferung fehlt im allgemeinen ein Großteil der Zeugen. Über den Zusammenhang der Textzustände der vorhandenen Zeugen ist also nur eine genealogische Hypothese möglich. Ihr Ziel kann nicht sein, historische Vorgänge detailliert zu rekonstruieren. Das ist unmöglich. Vielmehr ist das Ziel, die Struktur zu finden, die die genealogischen Beziehungen zwischen den vorfindlichen Textzuständen auf die einfachste Weise interpretiert und dabei an keiner variierten Stelle falsifiziert wird.

Eine solche Struktur ist hochkomplex, wird jedoch aus Strukturen geringerer Komplexität gebildet. Hier kann man es sich zunutze machen, dass es den oben beschriebenen Zusammenhang von lokalen Stemmata der Varianten und einem globalen Stemma der Zeugen gibt, eine Relation, die auch für die Elemente eines globalen Stemmas gilt: Substemmata, die das Verhältnis eines Nachfahren zu seinen hypothetischen Vorfahren zum Inhalt haben.

Innerhalb einer Überlieferung herrscht insgesamt Kohärenz, die Beziehungen zwischen den einzelnen Textzuständen sind von Kohärenzen unterschiedlich Art und Qualität gekennzeichnet. Durch die Entwicklung der Textzustände von prioritären zu posterioritären entsteht ein genereller Textfluss in der Überlieferung, innerhalb dessen die einzelnen Zeugen zu positionieren sind. Zwischen beliebigen einzelnen Zeugen lässt sich ebenfalls über Textflussparameter deren relative Position zueinander bestimmen. Der Beobachtung der Kohärenzen (vor allem in Kohärenzketten) und der Textflussanalyse kommt eine hohe Bedeutung zu.

Dabei gibt es verschiedene Klassen von Kohärenz:

- prägenealogische Kohärenz. Sie basiert allein auf Übereinstimmungen von Varianten und ist somit objektiv feststellbar. Zwischen Zeugen mit einem hohen Über­ein­stimmungs­grad herrscht eine starke prägenealogische Kohärenz. Sie ist ein Kriterium für die Wahr­scheinlichkeit, ob Varianten aufgrund ihrer Zeugen überhaupt eine genealogische Beziehung haben können. Auch weist ihr Mangel auf zufällige Mehrfachentstehung von Varianten hin.

Die Auswertung der prägenealogischen Kohärenz ist ein wichtiges Hilfsmittel bei der Bildung vorläufiger lokaler Stemmata von Varianten. Sie ermöglicht negative genealogische Aussagen mit hoher Objektivität. Im Übrigen muss bei der Bildung von Variantenstemmata das gesamte textkritische Methodenreservoir eingebracht werden. Die lokalen Stemmata, die auf diese Weise entstehen, können unvollständig sein (weil Variantenbeziehungen oder ganze Stellen nicht geklärt werden können) und sind vorläufig, weil genealogische Beziehungen zwischen Varianten zunächst noch nicht auf genuin genealogische zeugenbezogene Daten gegründet werden können.

- genealogische Kohärenz. Sie ergibt sich aus dem Übereinstimmungsgrad und den vorherrschenden Textflussrichtungen zwischen den Zeugen, und sie setzt prägenealogische Kohärenz und eine erste Bildung lokaler Stemmata von Varianten voraus. Die Variantenstemmata führen zu ersten zeugenbezogenen genealogischen Daten. Die vorherrschende Textflussrichtung zwischen Zeugen beruht auf allen Feststellungen, die über die genealogischen Relationen ihrer Varianten getroffen werden können. Sie ermöglicht die Bestimmung potentieller Vorfahren zu jedem Zeugen. Je höher der Grad der Übereinstimmung zwischen ihnen und dem Nachfahren ist, desto stärker ist die genealogische Kohärenz.

Die resultierende genealogische Kohärenz ermöglicht ein iteratives Verfahren, das immer wieder lokale Stemmata revidiert und damit auch die resultierende genealogische Kohärenz.

- stemmatische Kohärenz. Sie stellt den definitiven stemmatischen Zusammenhang in einem optimalen Substemma dar, das - an keiner Stelle falsifizierbar - auf einfachste Weise die Herkunft eines Textes (d.h. im Normalfall durch seine Kontaminationsquellen) erklärt. Stemmatische Kohärenz setzt genealogische voraus, aber aufgrund der Text­flusswerte genealogisch kohärente Zeugen sind nicht automatisch stemmatisch kohärent (z.B. wenn sie in einem optimalen Substemma als Vorfahren nicht nötig sind).

Die Analyse der genealogischen Kohärenz und des Textflusses ermöglicht bereits stemmaförmige Darstellungen der vorherrschenden Textflüsse unter Berücksichtigung der Textflussstärke und der Textflussrichtungsstabilität. Die Darstellungen zeigen damit die genealogischen Kohärenzen höheren Grades und geben damit eine teils gute Prognose für ein Stemma, das die stemmatischen Kohärenzen bietet. Für die Feststellung stemmatischer Kohärenz und die Bildung optimaler Substemmata, die aus kleinst­möglichen Kombinationen notwendiger Vorfahren bestehen und die in ihrer Summe das globale Stemma konstituieren, muss jedoch untersucht werden, ob der Varianteninhalt von Textflüssen eines potentiellen Vorfahren in Textflüssen anderer potentieller Vorfahren enthalten ist und ob bei geringerem Übereinstimmungsgrad eines potentiellen Vorfahren dort tatsächlich Varianten vorhanden sind, die eine stemmatische Kohärenz erzwingen oder zumindest nahelegen.

Die kohärenzbasierte genealogische Methode schafft nicht auf irgendeine «automatische» Weise Stemmata oder Textentscheidungen, sondern sie gewinnt aus Befunden (Kollationsergebnissen) und deren textkritischer Bewertung, die durch ein iteratives Verfahren kontrolliert wird, genealogische Strukturen, und zwar über Prozeduren, deren Regeln an einem Modell der Überlieferung orientiert sind. Das Resultat zeigt auch, was textkritische Entscheidungen in ihrer Gesamtheit bedeuten.

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